"Outside the cities of gold"
Kompositionsreihe von Berndt Luef
für die WIST Steiermark
im Rahmen seiner Arbeit mit dem Jazztett Forum Graz
Fr. 14. März 2008, WIST Moserhofgasse 34
"Outside the cities of gold" zeigt der globale Kapitalismus sein wahres Gesicht. Wie schon Brecht so treffend gesagt hat "...und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht" leben im Umfeld der großen Städte mit ihren Geschäftsvierteln und den oft schon von Privatmilizen bewachten gut bürgerlichen Wohnsiedlungen jene Menschen, die der Kapitalismus zwar als Arbeitsreserve benötigt, denen er aber keinerlei Lebensperspektive erlaubt. Immer mehr "Globalisierungsverlierer" und Flüchtlinge bilden somit einen Ring um diese goldenen Städte, in denen einige Wenige wahnsinnige Gewinne absahnen ohne auch jemals einen Handgriff getätigt zu haben und in denen ein perspektivloser Mittelstand mit immensen Aufwand seinen "Wohlstand" zu erhalten versucht und dabei politisch nach rechts rückt.
Ob es die Pfirsichpflücker in Südfrankreich, die Erntearbeiter auf den Tomaten - und Paprikaplantagen an der Südküste Spaniens oder die Arbeitssklaven auf den Feldern Apuliens sind: alle wohnen nahe der heimischen Bevölkerung und sind doch weit weg. Sie haben schlechtere Arbeitsbedingungen und eine schlechtere Bezahlung, leben in verheerenden Unterkünften, deren "Mieten" von den Unternehmen vom Lohn abgezogen werden. Und überall spielen die Behörden und die Polizei mit in diesem Ausbeutungssystem: So tauchen oft an Zahltagen Polizisten auf dem Gelände auf, verhaften sogenannte Unruhestifter und während die anderen Arbeiter fliehen, streifen die Unternehmen den auszuzahlenden Lohn auch noch ein.
Weltweit befinden sich fünfundvierzig Millionen Menschen auf der Flucht. Ein Teil dieser Menschen will der katastrophalen wirtschaftliche Lage ihres Landes entkommen, ein anderer Teil wird vertrieben, da sie der "falschen" Bevölkerungsgruppe, dem "falschen" Stamm, der "falschen" Sprachgruppe oder der "falschen" Religionsgemeinschaft angehören, da sie in einem Landstrich leben, der plötzlich im Kriegsgebiet verfeindeter Milizen liegt und sie alle wollen in den "goldenen Westen" und zahlen horrende Summen, um dann in überfüllten und oft seeuntüchtigen Booten vielleicht das europäische Festland zu erreichen. Ihr ständiger Begleiter ist die Angst, das Gefühl der Ausweglosigkeit und der Hoffnungslosigkeit, wahrscheinlich nie mehr zurückkehren zu können. Wenn sie nicht schon bei der Überfahrt sterben, werden sie in Lagern mit meist katastrophalen hygienischen Zuständen zusammengepfercht, bedroht von Krankheiten und Seuchen und den mafiosen Lagerstrukturen. Verurteilt zum Nichtstun sind sie auf Almosen angewiesen, verlieren jede Selbstständigkeit und werden oft genug von der ansässigen Bevölkerung als Bedrohung empfunden und abgelehnt. Um dem Anblick der Flüchtlinge zu entgehen werden wie z. B. in Padua Mauern errichtet hinter denen diese Menschen mehr vegetieren denn leben können.
Eine für die Unmenschlichkeit und Zynik europäischen Behörden leider allzu aktuelle Schiffskatastrophe mit Flüchtlingen passierte
am Weihnachtstag des Jahres 1996.
Im Jänner 1997 meldeten einige Fischer von Portopalo di Cape Passero am südöstlichsten Spitz Siziliens, dass Ihnen tote Menschen in ihren Schleppnetzen hängengeblieben sind. Es wurde gemunkelt ein "Geisterschiff" voll mit Flüchtlingen sei zwischen Malta und Sizilien gesunken. Die Hafenbehörden machten aber eher den Fischern die Hölle heiß (sodass einige von ihnen die Leichen gleich wieder ins Meer geworfen haben), als dass sie größere Nachforschungen anstellten. Zur gleichen Zeit haben Flüchtlinge in Griechenland erzählt, dass am 25.12. 1996 ein Boot mit 283 Menschen , großteils aus Sri Lanka, untergegangen wäre. Aber auch hier glaubte den Überlebenden niemand. Einer von Ihnen, Balachandran Vegnpawaran aus Sri Lanka hat damals ausgesagt, dass sie nach Ihrer Ankunft in Kairo für 7000 Dollar auf das Schiff "Ceylon" gebracht worden waren und auf hoher See auf die "Yiohan" umsteigen mussten. Vor Sizilien mussten die Flüchtlinge auf einen hölzernen Fischerkahn namens "Friendship" umsteigen und wurden ihrem Schicksal überlassen. Das Boort war leck, sofort drang Wasser ein und die Flüchtlinge versuchten verzweifelt zur "Yiohan" zurückzukehren. Die "Yiohan" rammte aber das Boot und die "Friendship" begann rasch zu sinken. Viele ertranken, weil sie nicht schwimmen konnten und weil im eiskalten Wasser ihre Kräfte rasch nachliessen. Vegpawaran überlebte mit einigen Wenigen, die sich an ein Seil, das von der "Yiohan" herunterbaumelte, festhielten. Aber niemand wollte den Überlebenden glauben bzw niemand wollte diese Untat wahrhaben. Die Ämter bezeichneten das Ganze als "angeblichen Schiffbruch". Die Flüchtlinge schlossen sich zu einem Verein zusammen, deren Vorsitzende Meta Thureswamy die Behörden jahrelang vergeblich mit dieser Katatrophe konfrontierte.
Im April des Jahres 2001 meldete aber dann ein Fischer aus dem oben erwähnten sizilianischen Dorf, dass er in seinem Netz einen Pass auf den Namen Anpalagan Ganeshu aus Sri Lanka gefunden hat. Von seinem Körper war nach 4 1/2 Jahren im Wasser wohl nichts mehr übrig, was sich im Netz verheddern konnte. Aber auch diesmal wurden nicht die Behörden aktiv, sondern Redakteure von "La Repubblica" beauftragten die auf Unterwasserforschung spezialisierte Firma "Nautilus" mit der Suche nach dem Wrack, das man dann vor Siziliens Küste in 108 Meter Tiefe fand. Die von einem ferngesteuerten Unterwasserroboter aufgezeichneten Bilder sind schockierend. Zusammengekauerte Menschen, bedeckt von einer Schlammschicht, liegen im Bootsrumpf und diverse Kleidungsreste (Schuhe / ein Sari) sind klar sichtbar. Die Aufnahmen bewiesen endlich, dass der mysteriöse Untergang, wirklich stattgefunden hat und die größte Schiffskatastrophe im Mittelmeer seit dem 2ten Weltkrieg darstellt. Balachandran Vegnpawaran und Meta Thureswamy fanden endlich Gehör. Aber die Hintergründe für das Desinteresse sind bis heute ungeklärt. So wurde der Kapitän der "Yiohan" (ein als Schlepper bekannter Mann) zwar vorgeladen und verhört und in Untersuchungshaft genommen, aber bald darauf wieder freigelassen.
Wer will sich schon dauernd um die Verlierer der Globalisierung kümmern, selber Schuld, hätten daheimbleiben sollen. Wir können sowieso nichts mit ihnen anfangen....
Berndt Luef
Als Quelle habe ich einen Bericht des Journalisten Thomas Götz "Die Lüge unter Schlamm" verwendet
